Silicon Valley im Geiste – Von der Lebenskultur lernen

2013 waren wir mit einigen Digital-Unternehmern auf Delegationsreise mit dem damaligen Wirtschaftsminister Philipp Rösler im Silicon Valley. Die Idee: Lernen, was das Valley ausmacht. Sogar die Quote der teilnehmenden Digital-Unternehmerinnen konnte sich sehen lassen. Doch was haben wir gelernt?

Silicon Valley – Mehr als eine Reise

Von dieser Reise habe ich deutlich mehr mitgenommen, als ich ursprünglich dachte (sonst würde ich nicht fast zwei Jahre später Erkenntnisse aufschreiben ;)). Es war aufregend, das erste Mal auf offizielle Delegationsreise zu gehen. Wir gingen mit mindestens 30 Digital-Unternehmern aufgekratzt auf dem militärischen Teil des Tegeler Flughafens an Bord der deutschen Air Force und machten uns auf den Weg unserer Entdeckungsreise ins digitale Wunderland.

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Ok, jetzt isses raus. Das ist meine alte Frisur, auch wenn ich´s selbst kaum noch glauben mag…. 😉

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Was uns dann im Silicon Valley erwartete, war deutlich mehr als eine Vielzahl von Firmenbesichtigungen – von Google über Facebook, Jawbone zu Good Technologies und hippen Inkubatoren. Es war das Erleben, Zuhören und Erkunden, was den Zauber dieses Ortes ausmacht. Das Eintauchen in eine andere Unternehmens- und Lebenskultur mit dem Ziel, möglichst viel davon zu lernen.

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Das Mindset macht den Unterschied

Das Silicon Valley ist anders. Allan Young, Gründer des Inkubators Runway in San Francisco brachte es auf den Punkt: Das Silicon Valley ist kein geographischer Ort, es ist ein Mindset. Und das macht es unheimlich stark und ist nicht einfach zu “exportieren”. Peter Thiel sagt über die Deutschen, sie seien gemütlich und pessimistisch. Das trifft den Deutschen erstmal – und mich als Halb-Deutsche – hart. Die Aussage ist dramatisch, trifft aber zu.

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Uns würde mehr von dem Optimismus und der Umtriebigkeit des Valley stehen. Denn davon haben wir sehr viel gesehen. Allerorts wird probiert und Neues geschaffen, was das Zeug hält.

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Stimmen die Eigenschaften, die uns Deutschen nachgesagt werden?

Der Optimismus ist ein zentraler Unterschied der Kulturen. Im Silicon Valley glaubt jeder, er könne es schaffen und es entstehen sensationelle Erfolge wie Facebook & Co. „Die Blamage, wenn ich zugeben muss, dass ich gescheitert bin“ ist hierzulande fest verankert. Die “Wutrede” von Christian Lindner zum Thema Scheitern war geradezu überfällig und es ist wunderbar, dass diese in den sozialen Netzwerken wie klassischen Medien große Resonanz fand.

Ich habe es selbst erlebt. Hat man als Unternehmer ein schlechtes Geschäftsjahr gehabt, wird einem das vorgeworfen. Oftmals von Menschen, die weit davon entfernt sind, Unternehmer zu sein – von Beamten, Hochschulprofessoren, Medizinern. Ja, genau, sage ich dann, das ist eine sehr deutsche Haltung.

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Ich bin viel in den USA. Wann immer ich neue Menschen kennenlerne, mich vorstelle und sage, dass ich Digital-Unternehmerin bin, erhalte ich ein “Congratulations”. In Deutschland hatte ich jede Menge Begegnungen, bei denen Leute wenig Verständnis für meine Entscheidung hatten, meinen eigenen Weg zu gehen und dieses Risiko einzugehen. Und dann noch als dreifache Mutter.

Wer wagt, der muss verlieren können. Denn das Scheitern gehört zum Erfolg dazu. Klick um zu TweetenWer wagt, der muss verlieren können. Ich bin fest überzeugt, er – oder sie 😉 – wächst daran und wird umso stärker. Auch das kann ich heute von mir behaupten. Ohne Krisen wäre ich schwach. Gerade schwierige Jahre oder Erlebnisse haben mich stark gemacht. Und werden es immer wieder tun.

Das Selbstbewusstsein wird durch die Erfahrungen gestärkt. Die Probleme und Krisen dienen dazu aufzustehen und sich mehr zuzutrauen. Ich bin der Meinung, dass wir das – kindgerecht – unseren Kleinsten mitgeben sollten. Im Elternhaus und in der Bildung. Mit meinem Engagement für eine zukunftsgerichtete Bildung setze ich mich genau dafür ein.

Was sagen die Glücksforscher?

Glücksforscher gehen vom Gelingen aus. Meinen Kindern sage ich, es geht nicht ums Können, sondern ums Wollen.

Meinen Kindern sage ich, es geht nicht ums Können, sondern ums Wollen. Klick um zu TweetenKürzlich sah meine 9-Jährige eine tolle, selbst genähte Tasche und sagte “das kann ich nicht”. Da antwortete ich “Wenn Du es willst, dann kannst Du es auch”. Sie wollte und wir machten uns ans Werk. Natürlich ist eine selbst genähte Tasche eines Kindes nicht perfekt, aber das muss sie nicht sein. Sie ist ein eigenes Werk und meine Tochter ist unheimlich stolz auf sich. Jedem anderen Kind sagt sie nun “das kannst Du auch”.

Die Frage ist, wie sehr „wollen“ wir? Wie optimistisch gehen wir an das Thema „eigenes Unternehmen“? Und was steht eigentlich Frauen im Weg, sich in viel größerem Maße in das Abenteuer Unternehmertum zu stürzen, sich zu trauen, das Risiko einzugehen?

Was können wir Lernen, wenn wir Scheitern?

Im Silicon Valley war an jeder Ecke spürbar, dass das Scheitern Teil des Lebens ist. Wir lernten nicht nur von den vielen Erfolgen, sondern viel mehr von gescheiterten Anläufen, Firmen oder Produkten. Wie beispielsweise bei Jawbone, die ihr Fitnessband UP auf den Markt brachten und feststellen, dass es nicht robust genug war. Sie nahmen es für ein ganzes Jahr vom Markt und setzten alles daran, es wesentlich zu verbessern. Das erneut gelaunchte Produkt übertraf alle Erwartungen. Wir waren auch schnell überzeugt vom Produkt, sodass jeder Zweite von uns noch vor der Abreise ein UP kaufte und eigene Erfahrungen damit machen konnte.

Wichtig im Fall Jawbone war, dass sie das Produkt nicht einfach eingestellt oder nur ein wenig modifiziert haben. Sie haben beherzt gehandelt, der Kritik der Kunden zugehört und ihr Produkt grundlegend überarbeitetet.

Es ist wichtig zu scheitern, aber auch schnell zu scheitern. Wenn etwas nicht funktioniert, wird es beendet und man lernt daraus. Dadurch entsteht Risikofreude. Risikofreudig zu sein und zu bleiben ist einer der größten Erfolgsmotoren.

Risikofreudig zu sein und zu bleiben ist einer der größten Erfolgsmotoren. Klick um zu TweetenEin Unternehmer, der Unternehmen Nummer 3, 4 oder 5 aufbaut und mit seinen vorangegangenen Unternehmen richtig vor die Wand gefahren ist, erhält in den USA Anerkennung. Anerkennung für die Erfahrungen, aus denen er für das nächste Mal lernt. Er weiß jetzt woran er scheitern kann. Und er steht auf und versucht es wieder. Der gleiche Fehler wird ihm wohl nicht mehr passieren. Ein Prinzip, das nur gelingt, wenn der Goldgräber am Tag X seiner erfolglosen Suche hoffnungsfroh pfeifend ans Werk geht. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt – ein schönes Sprichwort, das wir häufiger beherzigen sollten. Auch wenn es vielen schwer fällt, daran zu glauben, wie beispielsweise Analysten bei ihrer letzten Bewertung der Google-Aktivitäten.

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Connecting the dots – ein Geheimrezept

Im Valley haben wir gelernt: einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren ist das „Connecting the dots“. Also wann immer es möglich ist, Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen – Menschen, die sich gegenseitig etwas zu sagen haben. Aus eigener Erfahrung würde ich sagen: nie lerne ich mehr als in einem Gespräch. Wenn ein Wort das andere gibt, man Erfahrungen und Meinungen austauscht, kontroverse Haltungen diskutiert und allein dadurch gedanklich den entscheidenden Schritt weiterkommt.

Seitdem ich im Silicon Valley war, praktiziere ich es tatsächlich viel häufiger. Wann immer ich das Gefühl habe, zwei Menschen könnten sich gegenseitig helfen oder sollten sich austauschen, verbinde ich die beiden mit einer kurzen E-Mail. Subject: e-introduction.

Vor ein paar Tagen lernte ich einen spannenden Menschen kennen. Einen Herrn, der sich schon Jahre mit der Veränderung des Gesundheitssystems hin zu mehr Qualität beschäftigt. Ich erzählte von einer Gründerin im Bereich E-Health und er war direkt Feuer und Flamme.

Einen Tag später habe ich die Beiden per e-introduction miteinander bekannt gemacht. Und da der Herr lange in der “Szene” unterwegs war, war er ihr nicht unbekannt. Nun sind sie direkt miteinander verdrahtet und das macht mich glücklich. Die Beiden sind dafür zuständig, herauszufinden, ob es was bringt, sich auszutauschen. Und oft ist es ein Erfolg. Netzwerken nennt man das wohl.

Offenheit braucht Vertrauen und keine unangenehme Neugier

Netzwerken funktioniert nur dann gut, wenn ich etwas von mir preisgebe. Das heißt, ich spreche nicht mit Jemandem, weil ihn aushorchen will, sondern weil ich mich für ihn und sein Tun interessiere.

Ein Gespräch beruht auf Gegenseitigkeit und zumeist auf Vertrauen. Das bedeutet sich zu öffnen, von sich zu erzählen und auf sein Gegenüber zu schauen und seine/ihre Reaktion zu wertschätzen. Es ist eines der Geheimnisse des Silicon Valley, eine Grundeinstellung, die ich in den USA wahrnehme. Was wir bei den Amerikanern oft als oberflächlich abtun, bedeutet für uns Deutsche auch ein viel stärkeres Öffnen Jemandem gegenüber, den ich noch nicht lange und gut kenne.

Ich habe zweimal in den USA gelebt und war regelmäßig erstaunt, wie viele Fragen mir neue Kontakte stellten. Teils sehr persönliche Fragen. Ich habe das als Interesse verstanden und nicht als übermäßige oder unangenehme Neugier. Und es hatte immer etwas mit der Haltung meines Gegenübers zu tun, mich besser kennenlernen zu wollen. Umgekehrt betrachtet verstehen sich Amerikaner auch deutlich besser in der Darstellung der eigenen Person, Eigenmarketing sozusagen.

Dies würde insbesondere vielen Frauen hierzulande gut stehen. Denn nur wenn ich meine eigenen Vorzüge kenne und sie explizit “verkaufen” kann, werde ich auch überzeugen können. Wohlgemerkt, hier ist nicht die Rede davon, falsche Vorstellungen zu wecken oder womöglich Unwahrheiten zu verbreiten aber auch nicht mit den eigenen Stärken hinterm Berg zu halten.

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Meine Wünsche und was ich aus dem Valley-Besuch mitnehme

Die Offenheit wünsche ich mir noch viel mehr in der deutschen Wirtschaft zwischen kleinen, jungen Unternehmen und den großen, gestandenen Wirtschaftsunternehmen.

Deutschland ist ein Vorzeigeland mit einem starken Mittelstand und seinen weltweit renommierten Industrieunternehmen. Und sicher besteht „auf der anderen Seite“ Neugier, was wir „hippen Digitalen“ tun. Aber es gibt auch viele Berührungsängste.

Das kleine Unternehmen gibt es noch nicht lange und es ist ein Risiko, auf etwas Neues zu setzen. Ja, mit Sicherheit. Aber die Chancen sind umso größer, etwas Neues zu bewegen. Wie war das eben? Selbstbewusstsein, das Scheitern zulassen und so gewinnen.

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Ich wünsche mir mehr Zutrauen und Offenheit erfolgreicher Bestandsunternehmen gegenüber den neuen, flinken Startups. Meine Erfahrung mit meinen beiden ersten Companies Dialego und SmartMunk ist, dass es einfacher ist, einen Abschluss in den USA zu machen als in Deutschland. Während es in den USA heißt „das ist spannend, das will ich probieren“, hören wir hierzulande eher ein „das ist spannend, da muss ich drüber nachdenken“ und letztlich „wir haben uns doch für die alteingesessene Variante entschieden“ (und damit eine “sichere” Entscheidung getroffen).

Ohne Mut kein Erfolg. Meine 5 persönlichen #SiliconValley Tipps: Klick um zu TweetenNur zu, wir beißen nicht und haben eine Menge Beispiele, die zeigen, dass am Ende beide gewinnen: das junge Unternehmen, das einen wichtigen neuen Kunden gewonnen hat, aber vor allem das klassische Unternehmen, das sich durch die digitale Innovation des Jungunternehmens einen Wettbewerbsvorteil in seinem Markt erarbeitet. Trauen wir es uns zu.

Mit meinen 5 persönlichen Silicon Valley-Tipps möchte ich Euch ermutigen ganz genau das zu tun:

  • Geh vom Gelingen aus – Nur wenn Du daran glaubst, dass es klappen kann, wird es Dir gelingen. Die gute alte self-fulfilling prophecy fängt in Deinem Kopf an.
  • Das Scheitern akzeptieren – Nur wer das Scheitern begrüßt, kann mit voller Kraft sein Projekt angehen. Verurteile keinen, der gescheitert ist, sondern beglückwünsche ihn zu seinen Erfahrungen und lerne daraus.
  • Sei offen und vertraue Dich anderen an – Erzähle von Dir. Wer weiß, vielleicht liegt ein großer Erfahrungsschatz vor Dir. Du findest es heraus, wenn Du Dich öffnest.
  • Connecting-the-dots – Wann immer Du jemanden triffst und von seiner Story hörst, überlege, ob jemand in Deinem Netzwerk hilfreich sein könnte bei der Erfüllung der Ziele Deines Gegenübers. Bring die beiden zusammen. Eine einfache E-Mail reicht.
  • Baue Netzwerke – gerade für Frauen gilt: Lasst Euch nicht zu schnell unterkriegen. Nutze Netzwerke, bringe Dich ein und lerne von den Erfahrungen der anderen. Macht Euch gegenseitig Mut, was eine Einzelne alles schaffen kann.

3 Gedanken zu „Silicon Valley im Geiste – Von der Lebenskultur lernen

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