Frauenquote trifft Wettbewerbsnachteil

In Deutschland wird die Frauenquote heiß diskutiert. Die Gleichstellung von Mann und Frau in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik soll gestärkt werden. Von 2016 an müssen gut hundert börsennotierte Unternehmen bei der Besetzung ihres Aufsichtsrates einen 30-Prozent-Anteil einhalten, sonst bleibt der Posten unbesetzt. Darüber hinaus müssen sich 3.500 mittelgroße Unternehmen beim Frauenanteil in Vorstand, Aufsichtsrat und den obersten zwei Managementebenen eigene Zielvorgaben setzen.

Die Frauenquote allein bringt nichts, auch die Gesellschaft muss berufstätige Mütter anerkennen

Norwegen, wo die feste Frauenquote 2003 eingeführt wurde, wird gerne als erfolgreiches Beispiel angeführt. Allerdings fällt auf, dass in Norwegen die Stellung der Frau in der Gesellschaft bereits eine andere ist. Seit fast 20 Jahren gibt es Vätermonate, bereits lange Rechtsanspruch auf Kindergartenplätze, flexible Arbeitszeiten sind Normalität. Ergo, Frau darf dort Kinder bekommen und weiter arbeiten.

Die gesellschaftliche Anerkennung von berufstätigen Frauen ist eine vollkommen andere als wir sie in Deutschland erleben. Ähnlich in Frankreich, seit 2011 mit fixer Quote. Die Erwerbsquote französischer Frauen in Europa ist überproportional, sie verbleiben häufiger in der Vollzeitposition. Nicht zuletzt die steuerlichen Vorteile, die Familien mit Kindern in Frankreich erhalten wie auch die umfassende Kleinkindbetreuung sind wichtige Pfeiler. Dort ist es selbstverständlich, auch als Frau (und Mutter) zu arbeiten.

Es wird aber auch kein Mütterkult betrieben, wie wir ihn in Deutschland erleben. Die Empirie zeigt: Je entspannter die Mütter, desto höher die Geburtenrate. Vor dem Hintergrund unserer Demographie wäre es bei uns in Deutschland höchste Zeit die wichtige Diskussion zu führen, wie wir weniger Mütterkult dafür aber mehr Mütterpotential schaffen.

Wir brauchen in Deutschland mehr Mütterpotential anstatt Mütterkult. Klick um zu Tweeten

Es fehlt an positiv gerichteten, gesellschaftlichen Impulsen im Land.

Eine voll berufstätige Mutter in Deutschland stößt in der Gesellschaft auf Widerstand

Die Ausgangslage in Deutschland bringt uns einen Wettbewerbsnachteil im internationalen Vergleich: Nur wo es kulturell akzeptiert ist, dass Frauen in Führungspositionen agieren, wird aus Anspruch Wirklichkeit. Und davon scheinen wir noch weit entfernt zu sein. Nicht nur, dass der gesetzliche Anspruch für die Kleinkindbetreuung offenbar nicht erfüllt wird, auch die gesellschaftliche Anerkennung von Frauen in der Berufstätigkeit steckt in den Kinderschuhen. Zwangsquoten fördern eine Kultur nicht, sondern versuchen eine Entwicklung zu erzwingen.

Zwangsquoten fördern eine Kultur nicht, sondern versuchen eine Entwicklung zu erzwingen. Klick um zu Tweeten

Es braucht ein gelebtes und stimmiges Selbstverständnis sowie die Bereitschaft, das Betriebsklima in Gesellschaft und Politik zu ändern. Dazu kann und muss jeder Einzelne beitragen, die Politik setzt lediglich den Rahmen.

“Vollzeit-Mama” versus “Mama arbeitet Vollzeit”

Passend zu diesem Thema möchte ich die Anekdote einer Deutschen erzählen, die in den 80ern zusammen mit ihrem französischen Ehemann zwei Kinder in Paris erzog. Als Deutsche in Frankreich war sie Zeugin zwei komplett unterschiedlicher Einstellungen zum Thema “Frau und Familie”. Nach der Geburt ihrer Kinder – insgesamt hat sie 2 – wollte sie jeweils zwei Jahre pausieren, um sich dem Nachwuchs zu widmen. Die Franzosen – ihr direktes Umfeld – haben die Welt nicht mehr verstanden:

  • Warum muss man nach der Geburt zwei Jahre pausieren?
  • Völlig überflüssig, wer macht denn so was?
  • Wozu gibt es Kinderbetreuung?

Ihre Familie in Deutschland hingegen zeigte sich empört, als sie nach “nur” zwei Jahren wieder voll berufstätig wurde. “Wie ist das möglich? – Sie hat zwei kleine Kinder, was soll nur aus denen werden? Ist sie jetzt total von Sinnen, warum gibt sie die armen Würmchen nur in die Obhut von FREMDEN?!” Das Ergebnis: Ein und dieselbe Situation, die zwei völlig verschiedene Reaktionen zutage förderte.

Aber wer hat Recht? Beide und doch keiner. Es gibt kein Richtig und kein Falsch. Beide Kulturen tun sich schwer, andere Modelle zu akzeptieren. Lernen wir, uns für andere Modelle zu öffnen, zu akzeptieren, dass Beruf und Familie vereinbart werden kann, dann ist die Frauenquote eine Bereicherung.

Frauen beherrschen das implizite Handeln

Wenn man über den Tellerrand, in andere Kulturen schaut, stellt man fest, dass viele schon einen ganzen Schritt weiter sind. In den USA beispielsweise wird das Thema Diversity proaktiv diskutiert und gelebt. Bei Diversity-Diskussionen gehören Frauen im Business zur Minorität, ebenso wie bspw. ethnische Gruppen. Mit Blick nach Asien erhalten wir eine weitere gute Inspiration: In der asiatischen Kultur spielen beispielsweise instinktives Verstehen, Pragmatismus oder auch Harmonie eine große Rolle.

Ausprobieren, oder auch das Scheitern und Lernen aus Fehlern ist ein wichtiger Teil der Kultur. Ganz generell gesprochen, haben Frauen hier ungemeines Potential. Frauen agieren in der Führung häufiger intuitiv und folgen ihrem Bauchgefühl. Sie beherrschen damit das implizite Handeln, das Hirnforscher und Wissenschaftler, wie der Nobelpreisträger Daniel Kahnemann, in letzter Zeit als starken Treiber und „bessere Hälfte“ unserer Entscheidungen identifiziert haben.

Warum Frauen ungemeines Potential haben & das implizite Handeln beherrschen. Klick um zu Tweeten

Frauen haben oft die Haltung, eine Position nicht um jeden Preis erreichen zu wollen. Eher verlassen sie ihren Karrierepfad, als sich verbiegen zu lassen. Schade ist es, wenn sie ungewollt nie wieder auf den Pfad zurückkehren. Vielleicht ist es eine besondere Chance, mit der gerade angestoßenen Führungskräfte-Mission in der Region neue Maßstäbe zu setzen. Wie wäre es, wenn wir uns von diesen Dingen inspirieren lassen, den gesellschaftlichen Dialog proaktiv in die Richtung führen und besonders viele Frauen anwerben könnten, um Diversity zu leben?

Passende Rollenvorbilder sind wichtig

Ich kenne das Thema persönlich sehr gut. Gleich nach dem Studium machte ich mich selbständig. Inzwischen habe ich drei Firmen gegründet und drei Kinder bekommen. Ich empfinde es als große Bereicherung voll und ganz Familie und Unternehmertum leben zu können. Ich bin sicher, ich bin meinen Kindern die beste Mutter, wenn ich zufrieden bin und für mich gehört das “Mama arbeitet Vollzeit” zum persönlichen Glück einfach dazu. Über die Jahre habe ich auch das passende Zeitmanagement für mich entwickelt. Es ist mein Weg, aber ich bin sicher, dass dieser auch noch für viel mehr Frauen in Frage kommt, als wir sie bislang im Markt sehen. Geben wir allen, die dies gerne probieren möchten, die Chance. Passende Rollenbilder leben dies vor und sind daher so wichtig.

6 Gedanken zu „Frauenquote trifft Wettbewerbsnachteil

  • 16. Mai 2015 um 12:14
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    Danke für diesen schönen, klugen Artikel.

    Er gefällt mir und Petra Finke so gut, daß wir ihn am Montag auf unserem Werteregion-Feed mit ein paar lobhudelnden einleitenden Worten verlinken möchten…

    Herzliche Grüße aus der Soers!

    • 16. Mai 2015 um 12:25
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      Liebe Uschi Ronnenberg,
      das klingt ja wunderbar. Sehr gerne 🙂
      Lg
      Andera Gadeib

  • 18. Mai 2015 um 10:35
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    ein sehr schöner, weil differenziernder Beitrag zum Thema. Hierin zeigt sich, dass die Verordnung der „Quote“ von oben eher kontraproduktiv wirkt, da die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen hierzulande den Prozess noch nicht ädaquat begleiten können. Vor diesem Hintergrund ist auch die aktuelle „gender“-Debatte zu betrachten, die meiner Meinung nach nur nach folgenden Kriterien gesellschaftlich bereichernd werden kann: alle auf ihren Platz, auf dem sie sich zufrieden für ihr direktes Umfeld und damit für die Gesellschaft sinnstiftend einbringen können.

  • 2. Juni 2015 um 09:29
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    Liebe Frau Gadeib, nett nochmal was von Ihnen zu hören, wir kennen uns aus dem RMG…aber ich weiß nicht von wann. Auch ich finde Ihren Artikekmgut und differenziert. Zu dem Unterschied zwischen deutschem und französischen Blickwinkel muss man noch berücksichtigen, dass in der Deutschen Geschichte auf die wenig liberale Kaiserzeit nach dem kurzen Weimarer Frühling die NaziDiktatur folgte, in der versucht wurde, die Familienstruktur aufzubrechen und dKinder schon früh rassistisch und autoritär zu indoktrinieren (was sich im östlichen Landesteil nachb1945 fortsetzte). Es blieb ein Misstrauen staatlichen Institutionen gegenüber. Frankreich z.b. Hat eine ganz andere Entwicklung hinter sich.
    Liebe Grüsse Bernd Radtke

    • 4. September 2015 um 13:47
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      Lieber Herr Radtke,

      wie schön, von Ihnen zu hören. Ja, unsere Geschichte wirkt vermutlich viel länger, als uns bewusst ist.

      Sorry für die späte Rückmeldung, der Beitrag war im Spamordner gelandet und ich habe ihn gerade erst entdeckt. RMG: ich habe 1989 Abi gemacht, ist also schon ein paar Jährchen her 🙂

      Lg
      Andera Gadeib

  • Pingback: Die Wirtschaft von morgen braucht Diversity | Andera Gadeib

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