Die Wirtschaft von morgen braucht Diversity

Vibrierendes Tech Event zeigt nicht nur technische, sondern auch kulturelle Events

Anfang Mai fand zum zweiten Mal die Collision Conference in Las Vegas statt. Dieses vibrierende Tech Event bot 7.500 Teilnehmern aus 89 Ländern und einigen hundert Ausstellern (meine zweite Company SmartMunk war eine davon) einen guten Überblick über die Startup-Szene, digitale Neuigkeiten und Trends im Venture-Capital-Markt. Vor allem hat sie aber eines deutlich gemacht: die USA ist deutlich weiter als wir. Nicht nur im Sinne von Finanzierung und Startup-Szene, sondern vor allem auch in Sachen Kulturdiskussion. Mir ist aufgefallen, wie proaktiv das Thema Vielfalt hier behandelt wird, von solch einer Offenheit können wir in Deutschland bislang nur träumen… Handeln dringend erwünscht.

Protagonisten können richtig was bewegen

Schwer beeindruckt hat mich Cathryn Posey, die “Tech by Superwomen” ins Leben gerufen hat. Sie zeigt simple Zahlen und man weiß schlagartig, warum es wichtig ist, sich für das Thema einzusetzen: Frauen nutzen 17 % mehr das Internet als Männer. Sie sind deutlich häufiger der Entscheider vor dem neu geplanten Webservice. Traurig: 56 % aller Frauen steigen aus ihrem Tech-Job aus. Das sind doppelt so viele wie Männer. In mehr als der Hälfte der Fälle (63 %) ist der Grund sexuelle Belästigung. Für das Funding gibt es eine weitere Negativnachricht: Gründerinnen haben 18 % geringere Chancen eine Finanzierung zu erhalten.

Alles Zahlen, die uns aufhorchen lassen. Cathryn hat eine Konferenz ins Leben gerufen, um einen positiven Impuls zu setzen: die “Tech Superwomen Summit”, die erstmals im Januar 2015 in San Francisco stattfand. Im vollen Vortragsraum in Vegas, diskutierten Männer und Frauen gemeinsam, wie mehr Frauen im digitalen Bereich ihr Geschäft aufbauen können.

Am schönsten fand ich, als Cathryn ihre Mutter Sandi Posey zitierte: „The door to power only opens from the inside“. Die Tür zur Macht öffnet sich nur von innen. Was so viel heißt wie: “Lasst uns viele Frauen ausbilden und in höhere Positionen bringen, dass sie die Tür von innen öffnen können.”

'The door to power only opens from the inside' Sandi Posey @CatPoetry Klick um zu Tweeten

Genau das soll die Frauenquote erreichen. Alleine, dies zu thematisieren und als Gesellschaft die Diskussion zu führen, ist wichtig. Aber nicht im Sinne von Fronten, sondern im Sinne des Miteinanders. Beide Geschlechter können von der Vielfalt in Unternehmen gewinnen. Das Miteinander beginnt aber – wie so oft im Leben – nicht mit einer Problemdiskussion sondern mit Problemlösungen. Und mit Protagonistinnen, die diese Diskussion und positive Beispiele vorantreiben, wie Cathryn Posey in den USA, die übrigens ein vergleichbares Event auch in Europa plant.

Die Diskussion zeigt wie wichtig Diversity ist

Dass diese Diskussion in den USA bereits geführt wird, zeigte die Panel-Diskussion zum Thema “Is Tech Evolving On All Fronts?” mit Moderator Russ Mitchell, Technology Editor der LA Times, Heather Brunner, CEO bei WP Engine, Ajay Chopra, General Partner bei Trinity Ventures und Cathryn. Sie waren sich einig, dass es Zeit ist, Diversity ernst zu nehmen und zu betreiben. Es braucht viel Mut, mutige Männer werden die sehr guten Programmierinnen suchen und einstellen. Ebenso wie männlich-dominierte Unternehmen Frauen ins C-Level bringen müssen.

Heather Brunner erzählte Einiges über ihre Erfahrungen bei WP Engine, eine Company mit 270 Mitarbeitern. Auf jeder Funktion wird Diversity gelebt, so haben 20 % keinen College-Abschluss und 30 % sind farbig. Diversity zieht Vielfalt an, sie überzeugt und zeigt, dass Frauen Rolemodels brauchen, die zeigen wie’s geht. Das kommt aber nicht von alleine. Ein Unternehmen muss die feste Absicht haben und sich intensiv darum kümmern und nach Vielfalt streben, u.a. indem man den Mitarbeitern mehr Flexilibität gibt. Insbesondere für Tech Companies gilt, dass es einen Kampf um die guten Talente gibt. Hier ist es eine Chance, wenn man als Firma Vielfalt lebt. Es lässt die Mitarbeiter spüren, dass sie sein können, wie sie sind und dies ist ein starker Impuls den Arbeitgeber zu wählen. „I can just be who I am“. “Ich kann sein wie ich bin” ist eines der stärksten Argumente, wie ein Arbeitgeber um die besten Talente werben könnte.

'Ich kann sein wie ich bin' als starkes Argument für Arbeitgeber beim Kampf um die besten Talente. Klick um zu Tweeten

Cathryn Posey betont, dass insbesondere auch Männer sich für die Vielfalt engagieren müssen und jegliche Form der sexuellen Belästigung explizit aus einer Firmenkultur ausgeschlossen werden müssen. Es gibt eine Menge gut gebildeter Männer, die beginnen sollten, sich dafür einzusetzen und sich über den impliziten Bias hinweg zu setzen: Männer sprechen zunächst Männer an, wenn es um die Besetzung von Positionen oder Meinungsbildung geht. Hier bildet Diversity einen wichtigen Ankerpunkt, die Haltung der Frauen einzubeziehen und damit ein vollkommeneres Bild für Entscheidungen zu erhalten.

Ein wichtiger Aspekt ist, nicht stets nur über Geschlechterunterschiede zu sprechen, denn der Grund für Erfolg ist nicht das Geschlecht des Chefs. Ebenso ist es nicht fair, mit der Einstellung einer Frau auf C-Level nur ihr die Verantwortung für den kulturellen Wandel zu geben. Es braucht das gesamte Team und insbesondere die Männer, gemeinsam die Anstrengung für mehr Vielfalt und einen kulturellen Wandel im Unternehmen zu erreichen und Erfolge zu verzeichnen. Es ist auch wirtschaftlich relevant für eine Company, herauszufinden, wie der „Unconscious bias“ funktioniert und ihn zu adressieren. Cathryn beschreibt dabei beispielhaft das Gespräch in männlicher Runde: „Wenn sie im Raum ist, verhalten wir uns anders“. Solange solche Gespräche und Haltungen Platz haben, ist der Change nicht geschafft und Diversity wird nicht gelebt. Die Frau auf C-Level wird keine Chance haben den Auftrag des kulturellen Wandels alleine zu erfüllen.

Unentdeckte Märkte versprechen Potential für Investoren

Interessant war auch der Standpunkt aus Sicht des Venture Kapitalisten. Ajay Chopra lebt Diversity in seinem Geschäft: 2 von 10 Investment-Partnern sind Frauen und Weiße sind in seiner Gesellschaft die Minorität 😉 Das Silicon Valley ist bereits weiter auf dem Pfad in Richtung Vielfalt, allerdings ist es beunruhigend, dass die Anzahl von Frauen in Tech-Unternehmen sinkt. Es ist Zeit, weibliche Gründer zu zeigen. Es ist aber als Investor auch eine Chance, in der Gruppe der Unentdeckten nach guten Investments zu schauen. Es braucht eine Veränderung des Denkens. Ein guter Start ist, Frauen ins Spiel zu bringen. Denn schon eine Frau in der Runde ändert das Denken der sonst männlich geprägten Strukturen. Und das ist offenbar nötig, wenn wir uns die Statistik von Cathryn ansehen. Noch sind die weiblichen Gründer schlechter finanziert als ihre männlichen Counterparts.

Alles eine Frage von #HeForShe

Zu all dem passt wunderbar die #HeForShe-Initiative der UN. Ich frage mich: Wann sehen wir den ersten Protagonisten aus Deutschland? Jemand, der sich positiv, proaktiv und nachhaltig für das Thema Diversity einsetzt und die Diskussion in Gang bringt, warum Frauen in wichtige Entscheiderpositionen gehören und reine Männerrunden kein Modell der Zukunft sind. In den USA war die Diskussion in vollem Gange und weit fortgeschritten, etliche Protagonisten treten in Erscheinung. In Deutschland dagegen führen wir bevorzugt eine Negativdiskussion, in der Probleme beklagt werden, arbeiten aber wenig an Lösungsvorschlägen (einzig die Frauenquote liegt auf dem Tisch). Uns würde ein Protagonist, der positiv nach vorne geht, gut stehen. Nur, wer könnte das sein?

Erste Kommunikationsinitiativen wie beispielsweise Edition F sind ein Anfang, aber wir brauchen eine breitere gesellschaftliche Diskussion und Handlungen. Die EINE Frau auf C-Level kann nicht die Verantwortung für eine Kulturrevolution übernehmen.

Vorbild Kita – Der Beginn einer Reise

Bleibt zuletzt der Gedanke, wo wir eigentlich den Faden verloren haben. In der Kita meiner Kinder wurde stets bei der Besetzung der Gruppen auf ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis geachtet. Wegen der guten Dynamik. Auf der Reise von der Kita zur Chefetage bleibt dieser Gedanke irgendwo auf der Strecke. Und wir müssen uns gemeinsam auf den Weg machen, dieses Rätsel zu entwirren. Ich freue mich sehr, Teil dieser Bewegung zu sein – im Sinne von inspirierenden Gedanken und Taten.

Von der Kita zur Chefetage: Das Streben nach Vielfalt & Dynamik bleibt auf der Strecke.… Klick um zu Tweeten

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