Vielfalt für mehr Innovation

Geld und Prestige sind keine guten Leitmotive

Als Unternehmerin wundere ich mich über das Ideal der Konformität in Deutschland, das Veränderung und auch Entrepreneurship im Weg steht. Der Artikel des Manager Magazins „Deutschland fehlt ein Elon Musk“ spricht mir aus dem Herzen, die Aussagen sind alarmierend wie richtig: „Die Motivation der Gründer fußt auf einem Traum aus Geld und Prestige. Kreativität und Leidenschaft, die in jedem Lehrbuch als Kerntugenden eines Entrepreneurs beschworen werden, geraten zur Nebensache.“ Passend kritisiert Günter Faltin, Autor des Bestsellers „Kopf schlägt Kapital“, die Ideenlosigkeit der Berliner Startup-Szene – und damit Deutschlands Vorzeige-Entrepreneure.

Ich bin erstaunt, wie ideenlos es in der Berliner Startup-Szene zuweilen zugeht.

Günter Faltins Einschätzung zur Berliner Startup-Szene in der #t3n41 pic.twitter.com/FB3pFivJ08 — t3n Magazin (@t3n) August 31, 2015

Konformität ist der Gegenspieler zur Innovation

Bloß nicht die eigene Meinung sagen und anecken. Dem Modetrend hinterher laufen und gleichförmig kleiden. Ja, schon in der Grundschule sollen Kinder 20 mal „Ich soll nicht laut sein“ aufschreiben, wenn sie mal aus der Reihe getanzt sind – und damit meine ich nicht wichtige Regeln zur Gemeinschaft sondern Gleichmacher-Regeln, wie „ich muss so sein wie die anderen“.

Im Business stoße ich ebenfalls darauf: Wettbewerbsbeobachtung? Mal schauen, wie die anderen das machen. Angebote? Orientiert Euch am Marktstandard. Best Practice? Schaut Euch das Wissen aus der Vergangenheit an.

Das soll unsere Zukunft zu gestalten? Diese Versicherungsmentalität besiegt jede Kreativität. Eintönigkeit führt sicher nicht zu Innovation. Da dürfen wir uns nicht wundern, wenn die großen Innovationen jenseits des großen Teichs entstehen und nicht bei uns in Deutschland. Wenn wir Veränderung importieren und dann darüber Jammern, warum Uber, Facebook oder Google nicht bei uns entstanden sind, haben wir unsere gesellschaftlichen Hausaufgaben noch nicht gemacht.

Verändere die Welt – sei eine Hummel

Gut, ich bin auch kein Elon Musk. Nicht mal Elaine. 😉 Ich strebe nicht nach der Weltherrschaft. Im Gegenteil, meine Firmen sind klein. Gerade mal insgesamt 40 Mitarbeiter. Mein Ziel ist nicht das quantitative Wachstum, sondern qualitativ. Zum Thema tummeln sich viele frische Gedanken in meinem Kopf, dazu ein andermal mehr.

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Aber ich bin bekennende Hummel. Ich bilde mir ein, dass ich so ziemlich alles erreichen kann, was ich mir vornehme. Auch wenn Andere mir sagen „das geht gar nicht“. Unternehmer sein und Neues wagen hat Einiges von einer Hummel. Die Hummel kann, physikalisch gesehen, gar nicht fliegen. Das ist ihr aber egal und sie tut es trotzdem. Wir alle wissen wie wunderbar brummend sie an uns vorbei fliegen kann. Dich über all dieses „das geht nicht“ hinweg zu setzen, hat etwas Befreiendes.

So muss es gewesen sein, als Elon Musk erklärte, er würde ein revolutionäres Auto bauen und ihm keiner glaubte. Seit dem Consumer Reports Bericht im August 2015 steht fest: er hat sogar ein Auto gebaut, das mit 103 von 100 Punkten besser ist als jedes zuvor getestete Auto in der Geschichte der Autotests. Als Tesla-Fahrer kann ich nur sagen: das ist die Zukunft. Es braucht aber auch den Nerd, der die Dinge einfach anders angeht und die Zukunft seines Marktes neu gestaltet. Der an sich glaubt, auch wenn es sonst keiner mehr tut und sich über bisher Gesagtes hinwegsetzt. Und es braucht die mutigen Kunden, die sich trauen, auf genau dieses Neue, eigentlich Unmögliche zu setzen. Wie die Hummel. Sie fliegt. In Deutschland könnten wir auf beiden Seiten, Unternehmer und Kunde, deutlich mehr Hummeln gebrauchen.

Veränderung in der Gesellschaft entsteht langsam

Neues entsteht, wenn man sich außerhalb der Comfort Zone bewegt. Doch die Comfort Zone unserer deutschen Gesellschaft ist sehr ausgeprägt. Wir können dankbar sein, dass es uns so gut geht, leben wir doch in großer Sicherheit und Wohlstand. Doch diese Comfort Zone hindert uns auch daran, neue Ideen zu entwickeln, unruhig zu werden. Ganz bewusst in den „Hummel-Modus“ zu wechseln. „Hummeln unter dem Hintern haben“ würde so zum Kompliment.

Womöglich liegt genau in der Comfort Zone auch der Quell negativer Unruhe, wenn Unerwartetes passiert und plötzlich Bewegung in die gesellschaftlichen Strukturen kommen. Deutschland erwartet 2015 bis zu einer Million Flüchtlinge. Es gibt Deutsche, die meinen, die Flüchtlinge gefährden ihren Wohlstand oder ihre Sicherheit. Viele Emotionen erleben wir und Angst. Von wenigen Fremdenfeinden, einigen, die ebenso emotional negativ dagegen halten und den sehr vielen, die positiv und friedlich etwas bewegen und helfen wollen, wie bspw. die Blogger-Community #bloggerfuerfluechtlinge. Die Macht des Netzwerks ist überwältigend. So hat die von 4 Bloggern gestartete Initiative innerhalb von 8 Tagen 80.000 Euro Spenden gesammelt. Vielleicht gelingt es uns mit dem Netz auch, schneller Veränderungen umzusetzen?

Immer wieder an der Spitze der Innovationen: die USA

In den USA werden Migranten als wichtige Gruppe gefeiert, nicht zuletzt weil sie einen relevanten Wirtschaftsfaktor darstellen. Die USA sind aus ihrer Geschichte heraus viel bunter. Sehr viele ethnische Gruppen leben Seite an Seite, nicht immer ohne Konflikte und in einem deutlich schwächer ausgeprägten Sozialsystem. Die Comfort Zone existiert nicht in der Form, wie wir sie kennen.

So sollte uns die aktuelle Flüchtlingsdebatte Anlass zum Nachdenken geben. Ist es nicht schön, dass wir bunter werden? Mehr Vielfalt bedeutet auch eine große Chance für unser Land. Migranten können in ihrer Andersartigkeit und Veränderungswillen ein Wettbewerbsvorteil für Deutschland werden. Wir müssen sie dazu aber auch willkommen heißen und die Veränderung umarmen.

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Jeder kann Teil davon sein, die Welt zu verändern

Jeder Einzelne kann die Welt verändern. Im Kleinen, in seinem Umfeld. Lasst Eurer Kreativität freien Lauf und überlegt, was Euch am meisten liegt und bringt Euch ein. Ehrenamtlich. Seid Euren Kindern ein Vorbild und zeigt, wie Veränderung gelingen kann. Auch jenseits der Norm. Jenseits dessen, was andere vielleicht von Euch erwarten. Ich garantiere, geben ist besser als nehmen. Und ihr werdet es vielfach zurückbekommen. In Dankbarkeit, leuchtenden Augen und einfach dem guten Gefühl, das Richtige getan zu haben.

Vala Afshar, Chief Digital Evangelist von Salesforce bringt es sehr gut auf den Punkt: 1. Folge nicht dem Geld sondern sorge für gute Bildung. 2. Suche nicht nach dem Titel sondern nach sinnvoller Arbeit. 3. Jage nicht das Kompliment sondern versuche zu helfen. 4. Nimm keine Abkürzungen, sondern schmiede Dein Glück selbst. 5. Imitiere nicht, sondern tu was Du liebst.

Bildung ist wichtiger als Geld

Der beste Weg, die Welt zu verändern ist, seine Kinder zu starken Persönlichkeiten zu erziehen und ihnen zu helfen, dass sie ihre Leidenschaften finden. Wir sollten sie zur Individualität ermutigen statt sie den einfachen Weg des Mitläufers gehen zu lassen.

So bestärke ich meine Kids darin, sich zu trauen, anders zu sein als alle anderen, wenn es ihrer Überzeugung entspricht. Das ist nicht einfach und jedes Kind ist anders. Manche brauchen mehr Bestätigung aus der Gruppe und trauen sich nur sehr vorsichtig aus der Deckung, andere suchen geradezu die Provokation. Ich habe das Glück, mit drei Kindern beide Pole zu erleben. Und in verschiedenen Phasen der Entwicklung streben sie nach mehr Zugehörigkeit oder auch stärkerer Abgrenzung. Unter dem Strich sollten wir sie zu jedem Zeitpunkt in angemessener Weise fördern, auf ihre Leidenschaften zu hören, statt nach Geld und Prestige zu streben. Das kann schon früh losgehen.

Erst geben, nicht nehmen

Ein Beispiel, das ich kürzlich erlebt habe: bei einem Straßenfest in der Nachbarschaft bietet ein Nachbarsjunge Dosenwerfen an und verlangt 10 Cent pro Wurf. Das Geld soll für ein Flüchtlingsprojekt gespendet werden. Ich gebe meinem Sohn gerne 2 Euro mit und er freut sich. Kurz darauf kommt meine Kleinste (5) und möchte 50 Cent. Sie sagt „für´s Bobbycar-Rennen“. Ich frage, ob das auch gespendet wird. Sie weiß es nicht, also gehen wir zusammen hin und ich lerne, dass es ums „Geld verdienen“ geht. Keine Spende. Ich überlege kurz und stehe den kommenden Konflikt aus: ich gebe ihr kein Geld, denn ich bin dagegen, dass unter Freunden und Nachbarn Geld für den Spaß verlangt wird. Erst geben, dann nehmen. Das Geld sollte nicht im Vordergrund stehen.

Grundschule schlägt Uni

Haltung einnehmen ist eine wichtige Übung, die bereits Grundschüler erlernen können. Statt eine standardisierte Ausbildung á la WHU zum Ideal zu beschwören oder Entrepreneurship an der Uni zu lehren, wäre es viel wichtiger, dass jede Schülerin, jeder Schüler herausfindet, was sie/ihn antreibt. Statt Versicherungsdenke sollten wir sie bestärken, wie eine Hummel zu sein, an sich zu glauben – und summend abzuheben.

Nur dann werden wir auch in Deutschland zukünftig Nerds feiern können, die die Größte eines Elon Musk oder Steve Jobs haben oder uns vielleicht – mit etwas Demut – auf unsere Stärken besinnen und den neuen digitalen Mittelstand in Deutschland feiern.

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